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Ich versuche mal, das Thema „Virtuelle Energie“ bei den GT3 verständlich zu erläutern, da hier immer noch sehr viel Unklarheit und auch diverse Falschinformationen kursieren. Nicht einmal die offiziellen WEC-Kommentatoren scheinen das Thema wirklich zu begreifen.
Es ist ein wenig umständlich, aber nicht wirklich schwierig.
Die virtuelle Energie ist ein Teil der BoP. Damit wird indirekt die maximale Stintdauer reguliert. Bei den GT3 könnte man das auch über die Regulierung des Tankinhalts regeln, wie es die SRO macht. Die WEC hat sich aber, auch aufgrund der Hypercar-Regeln (dazu schreibe ich ganz unten noch was), für einen anderen Weg entschieden.
In der BoP wird für jedes Rennen und für jedes Auto festgelegt, wie viel Energie der jeweilige Hersteller auf die Straße bringen darf. Das sieht folgendermaßen aus:

In der letzten Spalte steht die verfügbare Energie je Stint in MJ (Mega Joule). Diese wird mittels Drehmoment-Sensoren an der Hinterachse überwacht. Leicht vereinfacht wird zunächst die Leistung aus dem Produkt von dem gemessenen Drehmoment und der Umdrehungsgeschwindigkeit der Hinterachse berechnet:
P (Leistung in kW) = M (Drehmoment in Nm) * n (Umdrehungen pro Minute) / 9550 (das ist eine Umrechnungskonstante, damit vorne auch kW rauskommen)
Damit ist die in dem jeweiligen Moment anliegende Leistung bestimmt.
(Exkurs, nicht wichtig für die virtuelle Energie: Bereits dieser Wert wird von der WEC überwacht. Der Tabelle kann man entnehmen, dass auch die maximale Leistung der Autos unter 200 km/h beschränkt ist. Das wird wahrscheinlich aus Geheimhaltungsgründen durch homologierte Voreinstellungen verschleiert. Aber wenn ihr euch ein WEC-Rennen anschaut gibt es öfter mal Ermahnungen und auch Strafen für Teams, weil die maximale Leistung kurzzeitig überschritten wird, was insbesondere durch das Hüpfen über Curbs passieren kann, wenn beim Rausbeschleunigen das maximale Drehmoment auf der Achse anliegt, diese dann kurzzeitig die Bodenhaftung verliert und dadurch durchdreht.)
Für die virtuelle Energie wird die Leistung noch mit der Zeit multipliziert, in der das jeweilige Drehmoment anlag:
W (Energie in Joule) = P (Leistung in kW) * t (Zeit in Sekunden) / 1000
Ich weiß nicht genau, in welchem Intervall diese Messungen erfolgen, es ist aber unglaublich klein. Der Sensor (der Hersteller heißt MagCanica) könnte 4.500 Werte je Sekunde (!) liefern. In der Praxis wird denke ich ein niedrigerer Wert genommen, sonst wird die Datenmenge enorm (und auch die punktuellen Leistungsüberschreitungen würden zunehmen).
Die durch die Formel ermittelten Joule-Werte werden dann über den Stint stumpf addiert. Für die Darstellung wird die entsprechende aktuelle Summe durch die maximal zulässige Energie je Stint dividiert und man erhält den bekannten Prozentwert.
Was hat das jetzt mit dem Sprit zu tun? Durch die Messung der Energie, die das Auto auf die Achse bringt ist es komplett egal, wie viel Benzin der Motor dafür verbrennen muss. Ein sehr effizienter Motor, der vergleichsweise wenig verbraucht, hat durch die festgelegte Tankdauer (40 Sekunden für 100 %, also 0,4 Sekunden je Prozentpunkt) dort keinen Vorteil mehr. Es bleibt aber theoretisch bei einem Gewichtsvorteil (wobei das Gewicht ja auch in der BoP geregelt wird). Es ist daher vorteilhaft, das Spritverhältnis im Setup möglichst so einzustellen, dass der Benzinverbrauch je Runde möglichst knapp an dem Energieverbrauch je Runde ist.
Man kann aber auch mehr oder weniger einstellen. So kann es dazu kommen, dass zwar die virtuelle Energie „aufgebraucht“ ist, das Auto aber trotzdem weiterfahren kann, weil noch Sprit im Tank ist. In diesem Fall gibt es in der WEC eine 100 Sekunden (!) Stop and Go (beim ersten Mal, danach werden es 200 und dann 300 Sekunden). Ich habe noch nicht ausprobiert, welche SG im Spiel dafür vorgesehen ist.
Genauso kann man weniger Sprit mitnehmen, was einige von euch ja im Quali schon machen. Damit kann einem in Bezug auf die virtuelle Energie nichts passieren. Es kann aber sein, dass einem so stumpf der Sprit ausgeht. Im Rennen bringt das eher wenig, da beim Stopp ja die virtuelle Energie nachgefüllt wird. Nur beim Rennstart kann man damit verschleiern, dass man einen frühen Stopp plant.
Die virtuelle Energie ist ein kleiner Baustein, der zusammen mit den anderen Punkten der BoP versucht, die Rennen enger zu machen. Daher hat auch nicht jedes Auto die gleiche Energie zu Verfügung, da ja neben Leistung auch Gewicht, Heckflügel, Radaufhängung usw. Auswirkungen auf die benötigte Energie haben.
Ich hoffe, dass das mehr Licht als Verwirrung gebracht hat. In der Folge sage ich noch was zu den Hypercars, das ist aber für unsere Liga aktuell nicht wichtig.
Bei den Hypercars ist das vielleicht noch einfacher nachzuvollziehen. Die Berechnung bei den LMDHs funktioniert genauso wie bei den GT3, auch die werden nur auf der Hinterachse angetrieben. Bei den LMHs ist es ein wenig komplexer, da dort auch die Vorderachse angetrieben wird, aber das Prinzip ist das Gleiche.
Bei den Hypercars ist es der WEC egal, woher die Energie kommt, die der Sensor misst. Bei den meisten (alle außer Valkyrie, Glickenhaus und Isotta Fraschini) kann diese sowohl aus dem Verbrennungsmotor als auch aus dem Elektromotor kommen. Mehr Energie aus dem Elektromotor bedeutet einfach, dass weniger Energie aus dem Verbrennungsmotor kommen muss. Die Energie für den Elektromotor kommt (mit Ausnahme des Rennstarts) ausschließlich aus der Rekuperation durch das Bremsen. Bei den Boxenstopps wird ausschließlich Sprit nachgetankt, und die Tankdauer wird in der BoP ein wenig nachgeregelt, das seht ihr in der letzten Spalte der nachfolgenden Übersicht:

Die Valkyrie hat als reiner Verbrenner keine Zusatzzeit, die LMDHs haben 1 Sekunde und die LMHs 1,2 Sekunden. Ich weiß aber nicht genau, wo und wie oft diese Zusatzzeit sich bemerkbar macht. Aber im Ergebnis soll erreicht werden, dass die Tankdauern der Boxenstopps gleich sind bezogen auf die „nachgefüllte“ virtuelle Energie.
Wenn also ein WEC-Kommentator behauptet, die Hypercars würden während des Stopps die Batterie laden, hat er keine Ahnung, was da passiert.
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Diese Antwort wurde vor 2 Monaten, 3 Wochen von
Christian Fleissner geändert.